Tipps von Alex Neumann: Bewerben in Zeiten von Corona

Alles ist anders in diesen Zeiten – auch die Suche nach einer Lehrstelle. Das weiß „Deine Zukunft ist bunt”-Unterstützer Alex Neumann, der im Familienbetrieb Neumann aus Dinslaken in Deutschland inzwischen als Malermeister arbeitet, ebenfalls. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, warum man sich jetzt trotzdem für eine Lehre im Malerhandwerk bewerben kann – und wie seine Erfahrungen mit virtuellen Vorstellungsgesprächen sind.

 

Herr Neumann, wie ist die derzeitige Lage in Ihrem Betrieb? Was hat sich für Sie verändert?

Alex Neumann: „Konkret haben sich die Sicherheitsmaßnahmen bei uns im Betrieb verschärft: Das heißt, viel desinfizieren und unter Umständen das Tragen von Gesichtsmasken beim Kunden vor Ort. Direkten Kundenkontakt versuchen wir zu vermeiden, aber wenn es doch dazu kommt, muss der Sicherheitsabstand gewährleistet sein. Das kann schwierig werden, wenn wir mit dem Kunden in einem Raum sind. Aktuell haben wir jedoch viele Fassaden, das bedeutet Arbeiten im Freien. Da können wir gut arbeiten, ohne direkten Kontakt zu anderen Leuten zu haben.

Die Situation geht natürlich an keinem spurlos vorbei, das merken wir auch. Aktuell läuft es gut, aber das ist eine Momentaufnahme, denn es weiß niemand, was in einem oder zwei Monaten passiert. Deswegen müssen wir von Tag zu Tag neu bewerten, wie es weitergeht.”
 

Was hat sich für Ihre Lehrlinge verändert?

„Der Vorteil für uns ist: Im Betrieb und auf der Baustelle geht es ganz normal weiter. Was die Berufsschule angeht, die ist natürlich auch von den Schließungen betroffen. Da sind wir im Betrieb gefragt. Die Lehrlinge bekommen Aufgaben zur Verfügung gestellt und können an den Tagen, an denen sie eigentlich in der Berufsschule wären, bei uns vor Ort lernen. Wir setzen uns auch mit unseren Lehrlingen zusammen und gehen die Aufgaben durch und schauen zusammen drauf.” 

 

Viele junge Menschen sind weiterhin auf der Suche nach einer Lehrstelle. Kann man sich trotz allem bei Ihnen für ein Praktikum oder eine Lehre bewerben?

„Da sehe ich gar kein Problem! Zumindest was die Bewerbung für eine Lehre angeht. So schwer die Situation gerade ist, die Jobsuche geht ja nach wie vor weiter. Es liegt an uns zu schauen, in welcher Form wir den Bewerbungsprozess durchführen können. 

Ein Praktikum ist schwieriger, da geht es ja darum, dass junge Menschen für sich die Frage beantworten: Finde ich mich in dem Beruf wieder? Und dafür möchten wir eine Betreuung rund um die Uhr gewährleisten und das natürlich unter Einhaltung des Gesundheitsschutzes. Ich will es nicht ganz ablehnen, aber Gesundheit geht vor!”

 

Wie erreichen Sie potenzielle Lehrlinge, nachdem aktuell keine Fach- und Informationsmessen stattfinden?

„Das ist ein ganz wichtiger Punkt! Wir hatten viel vorgeplant, wollten auf Messen gehen. Für mich gibt es keine bessere Situation, um zu betonen: Digitalisierung muss jetzt stattfinden! In welcher Form das am besten funktioniert, ist natürlich jedem Betrieb selbst überlassen. Aber die jungen Leute kann ich in der jetzigen Situation vor allem über Facebook, YouTube und Instagram erreichen. 

Und mir ist es wichtig, gerade auch in dieser schwierigen Situation zu zeigen: Ich bin hier und du kannst mich auch auf diesem Weg ansprechen! Sei es über eine E-Mail oder auch über Instagram über die Direct Messages. Diese Möglichkeiten gibt es alle. Da kann man sich auch mal schnell vorab unterhalten, wenn jemand zum Beispiel eine Frage zu einem Praktikum hat, das er machen will.”

 

Sie sind sehr aktiv auf Social Media. Wie ist die Stimmung in Ihrer Community zur Zeit?

„Anfangs war Angst spürbar, weil man nicht wusste: Was passiert da draußen? Aber wenn wir jetzt genauer hinschauen, merken wir: Das Handwerk ist eine der wenigen Branchen, die wirklich weiterarbeiten können. Das Handwerk ist ein Beruf, der krisenfest ist. Daraus schöpfen aktuell viele Betriebe Hoffnung und können auch etwas Handfestes draus machen, wenn die Corona-Krise überstanden ist.  

Es wäre natürlich sehr schade, wenn kleine Betriebe auf der Strecke blieben, deren Kundschaft hauptsächlich Privatkunden sind – es herrscht darum nicht ausschließlich Optimismus. Wir hoffen, dass wir nach der Krise sagen können: Ja, es war schwierig, wir haben zu kämpfen gehabt, aber uns geht es gut und wir haben es geschafft.”

Alex Neumann bleibt trotz Corona-Krise optimistisch und sieht auch die Chancen, die sich dadurch bieten.
Was hat Sie dazu bewogen, auf Videogespräche umzusteigen?

„Für uns ist es das Schönste, unseren Beruf weiterzugeben, darum ist Lehre auch für uns ein wichtiges Thema. Online-Bewerbungsgespräche sind in unserer Branche nicht gerade üblich, denn im Handwerk geht es um den direkten Kontakt mit Menschen. Aber wir müssen das Beste aus der Situation machen. 

Wir hatten dieses Jahr circa zwölf, dreizehn Bewerbungen – aber so viele Menschen aus so vielen verschiedenen Orten ins Büro zu holen, ist wenig sinnvoll in der aktuellen Zeit. Also haben wir gesagt, probieren wir das doch mal aus mit einem Online-Bewerbungsgespräch. Wir sehen darin eine Chance, den Menschen vorab kennenzulernen, ohne dabei ein Risiko einzugehen. Das heißt nicht, dass wir nicht, wenn sich die Situation dann verbessert, auch noch ein zweites Gespräch vor Ort führen werden.”
 

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Vorstellungsgesprächen per Video? Was sind die besonderen Herausforderungen – und was die Vorteile?

„Die Resonanz der Bewerber, die wir zum virtuellen Gespräch eingeladen haben, war super. Und auch für uns war es eine klasse Erfahrung. Tatsächlich haben wir uns nach den Gesprächen dafür entschieden, einem der Bewerber über diesen neuen Weg eine Lehrstelle anzubieten. Ein voller Erfolg also! Die Video-Gespräche werden für uns auch in Zukunft ein Instrument sein, auf das wir gerne zurückgreifen werden.

Ich könnte mir vorstellen, dass sie auch deshalb so gut angenommen wurden, weil junge Menschen in vielen anderen Betrieben zur Zeit nicht die Möglichkeit haben, sich vorzustellen. Ohne die Chance, überhaupt eingeladen zu werden, stehen sie alleine da. Wenn es also einen Betrieb gibt, der wie wir den virtuellen Weg geht, ist das eine super Chance. 

Für die Bewerberinnen und Bewerber ist es natürlich ungewohnt, sich vor eine Kamera zu setzen. Es ist auch für mich am Anfang schwer gewesen, mich vor einer Kamera zu zeigen. Ich sehe mein Gegenüber zwar, aber es gibt eine gewisse Distanz. Und es fällt ja auch zum Beispiel der obligatorische Handschlag weg, wenn man sich begrüßt oder verabschiedet.” 

 

Wie läuft bei Ihnen so ein Bewerbungsgespräch per Video ab?

„Wir sagen den jungen Menschen zuerst einmal, dass das jetzt eine andere Situation ist als üblich, auch für uns. Und dann starten wir ganz entspannt in das Gespräch, um die Angst zu nehmen, vor einer Kamera zu sprechen. Wir beginnen mit ein bisschen Smalltalk über die Situation, sprechen dann über die Bewerbung, die wir bekommen haben, über die Stärken und Schwächen, die der Bewerber an sich selbst gefunden hat ... 

Tests oder Aufgaben gibt es keine – wir hoffen immer noch, dass wir das über ein Probearbeiten machen können, sobald sich die Lage gebessert hat. Das ist im Handwerk der beste Test, da brauche ich die jungen Menschen keine Matheaufgaben im Bewerbungsgespräch lösen lassen.”

 

Auch für die Bewerberinnen und Bewerber sind Vorstellungsgespräche per Video nicht alltäglich. Welche Tipps möchten Sie jungen Leuten mit auf den Weg geben?

„Ich möchte auch den Jugendlichen ausdrücklich den digitalen Weg empfehlen. Ich weiß, dass es viele Betriebe gibt, die sich freuen würden, wenn junge Menschen ihnen auch einfach mal über Facebook oder Instagram eine Anfrage schicken. Die sind super kooperativ und offen für solche Gespräche, gerade wenn sie sich auch selbst auf Social Media präsentieren.

Mein wichtigster Tipp ist: Traut euch! Selbst die größte Krise kann euch nicht davon abhalten, euren Traumberuf weiterzuverfolgen. Es gibt so viele Möglichkeiten, man muss sie nur ergreifen und nutzen. Einfach machen! Das ist auch ein Grundsatz, der fürs Handwerk selbst steht, und in der jetzigen Zeit erst recht. Wenn ich über meinen Schatten springe und mich traue, ein Videogespräch zu führen, stehen meine Karten recht gut.”

Über Alex Neumann: Alex hat nach dem Abitur eine Lehre zum Maler und Lackierer gemacht. Letztes Jahr legte er erfolgreich seine Meisterprüfung ab und ist nun im Betrieb seines Vaters unter anderem auch für die Auswahl neuer Lehrlinge verantwortlich. Alex ist ein absoluter Verfechter des Berufsstandes und stand auch schon bei „Deine Zukunft ist bunt” vor der Kamera, um seinen Beruf vorzustellen: